Ernesto Cardenal

Wie beginnt der Gang durch die Auswahl der in etwa 30 Jahren entstandenen Gedichte Ernesto Cardenals? Zuerst fällt der Blick auf Nicaragua aus den Augen eines Spaniers (?), der 1579 mit dem plündernden Kapitän Drake an den Küsten Nicaraguas zusammentrifft; ein Reisender des 19. Jahrhunderts auf dem Rio San Juan beschreibt beschaulich die Natur; und der nachdenkliche Blick richtet sich auf angeworbene Abenteurer und Freibeuter der Söldnerzüge William Walkers (der sich 1856 selber zum Präsidenten Nicaraguas ausrief, von den USA gleich anerkannt die Sklaverei wieder und Englisch als Landessprache einführte), auf Revolverhelden meist, die 1857 wieder vertrieben ”fast alle den Tod fanden”. Ernesto Cardenal, der leidenschaftliche Kämpfer gegen Somoza wird erst in Umrissen sichtbar. Doch auch schon ”da kommt der General geritten … auf seiner breiten schweißbedeckten Brust die kackebraunen Orden”.

Ernesto Cardenal, geboren 1925 und in seinen 20ern als er diese Gedichte verfasste, ist verliebt und schreibt Epigramme, oft vergebliche Verse: ”Nur für dich sind sie, doch wenn sie dich nicht interessieren, werden sie eines Tages vielleicht in ganz Spanischamerika verbreitet …” Oder: ”Sie sagten mir, daß du einen anderen liebst, / da ging ich in mein Zimmer / und schrieb den Artikel gegen die Regierung, / für den ich jetzt im Gefängnis bin.” Politische Epigramme zeigen blitzlichtartig Repression und Verfolgung: ”Die Guardia Nacional sucht jemanden. / Jemand hofft, diese Nacht noch die Grenze zu erreichen. …”

Cardenal beteiligte sich 1954 an der Aprilrebellion in Managua. Sein unvollendet gebliebener vierteiliger Gedichtszyklus Stunde Null stellt diese in den geschichtlichen Kontext von Zentralamerika und Nicaragua: ”Oft habe ich bei einer Zigarette … / den Tod eines Menschen beschlossen”, sagt etwa Ubico, Diktator von Guatemala; in Tropische Nächte (mit dem Ruf aus Jesaja) die angespannte Hoffnung Cardenals: ”Wache! Welche Stunde ist’s in der Nacht?” Der ”United Fruit Company” (und Dutzenden weiterer namentlich genannter Companies), die ”vor den Gerichten gegen ein Waisenkind” kämpfen, für die ”ein Abgeordneter mehr billig als eine Maultier” ist, stellt Cardenal Die Bauern von Honduras gegenüber, die in Verelendung getrieben ”statt Geld Schulden” sehen, die einem ökonomischen Gewaltsystem ausgeliefert sind. In all dem erinnert Cardenal daran: Es gab einen Nicaraguaner, Augusto César Sandino, der unter Führung von Carlos Fonseca Amador später zum wichtigsten Bezugspunkt aller revolutionären Anstrengungen durch die ”Frente Sandinista” wurde.

In den 30er Jahren, Sandinos ”Armee auf nackten Füßen oder in Sandalen, fast ohne Waffen, / in der weder Disziplin noch Unordnung herrschte, / und in der weder Führer noch Truppe Sold erhielten, doch niemand war gezwungen zu kämpfen: / und es gab militärischen Ränge, aber alle waren gleich / ohne Unterschied bei der Verteilung des Essens / und der Kleidung,dieselbe Ration für alle.” Die Unterstützung dieser Armee beim Volk war wohl groß, ”es schien, als spioniere jede Hütte für ihn”. Und wie sieht Somoza Sandino? ”I talked with Sandino for half an hour / – sagte Somoza dem amerikanischen Minister – / but I can’t tell you what he talked about / because I don’t know what he talked about”. Und als Sandino die Verfassungswidrigkeit der Nationalgarde unter Führung Somozas bestreitet, dieser: ”’An insult! I want to stop Sandino.’ / Vier Gefangene gruben ein Grab.” Am 21. Februar 1934 läßt Somoza Sandino in eine Falle gehen und ermorden. ”’I was in a concierto’, sagte Somoza. … ‘I did it’, sagte später Somoza.” Gegen diesen Anastasio ”Tacho” Somoza García, der nach der Ermordung Sandinos als Oberbefehlshaber bzw. Präsident diktatorisch herrschte, richtete sich der gescheiterte Aprilaufstand von 1954, vorbereitet auch in Cardenals Buchhandlung in Managua. Viele Freunde Cardenals wurden nach dieser Rebellion bestialisch ermordet, so Adolfo Baéz Bone, der ihm vorher gesagt hatte, sollte er wählen ”’zwischen: ermordet wie Sandino, / und: Präsident wie der Mörder Sandinos / – ich würde das Schicksal Sandinos wählen.’ / Und er wählte sein Schicksal.” Im April – eine bittere Erzählung Cardenals, voll Widerstand aus tiefster Seele, mit äußerster Verachtung weiter; dass Somoza 1956 umgebracht wird (diesem folgten – kleiner historischer Exkurs – sein ältester Sohn Luis Somoza Debayle als Präsident und sein jüngerer Bruder Anastasio ”Tachito” Somoza Debayle als Oberbefehlshaber der Nationalgarde, ab 1967 Präsident, 1979 durch die Revolution zu Rücktritt und Flucht gezwungen); Tachito Somozas ”Hemd … befleckt von Blut und Betrug”, unter seiner Schreckensherrschaft ”(heulten) die Hunde des Gefängnisses vor Mitleid … Schreie und noch mehr Schreie… Wer weiß, ob du diese Nacht nicht auf der Liste stehst.” Und die Stützen dieser Macht? ”Man sieht die Lichter des Präsidentenhauses von überall in Managua. / Die Musik der Fiesta dringt bis in die Zellen der Gefangenen / … Oben im Präsidentenpalast sagt Mr. Whelan: / Fine Party!” Und Cardenal zitiert die Formel Roosevelts über Somoza: ”’Er ist ein Hurensohn, aber er ist unser.’” Aprilaufstand und Stunde Null sehen sich in Sandinos Tradition; die Gedichte beginnen noch in der Zeit des alten Somoza und sie liegen Jahre vor der Gründung der Frente Sandinista 1961, sie sind prophetisch visionärer Ausdruck eines kleinen Widerstands. Diesen Karfreitag Nicaraguas schließt ein Auferstehungsbild: ”Aber der Held wird geboren, wenn er stirbt, / und das grüne Gras wird wiedergeboren aus der Asche.”

Ernesto Cardenal geht 31-jährig 1957 ins Noviziat des Trappistenklosters Gethsemani in Kentucky (USA), das er nach zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen wieder verläßt. Meditative Impressionen aus diesem entscheidenden Abschnitt seines Lebens zeigen Bilder der Hoffnung, die er der Tierwelt entnimmt, singende Grillen sind ihm Künder der Auferstehung; er betrachtet sein Leben, menschliche Geschichte, die Natur eingeordnet in kosmisch evolutionären Horizont, er fühlt sich gelenkt wie die Zugvögel, ”die nicht wissen, wer sie lenkt, nicht wissen, wohin”. Und Somoza läßt ihm auch in Kentucky keine Ruhe: ”Noch die Liebe zum Vaterland jenes Diktators: des fetten / Diktators im Sportanzug und mit Texashut, / mit prächtiger Yacht durch die Landschaften deines Schlafs: / er hat dies Land geliebt und bestohlen und dann besessen. / Und nun ruht in seinem geliebten Land der einbalsamierte Diktator, / da dich die Liebe in die Verbannung trieb.” Mit seinem Novizenmeister Thomas Merton überlegt er eine Rückkehr nach Lateinamerika, möglichst Nicaragua und dort die Gründung einer Gemeinschaft neuer Art. 2 Uhr morgens- zur Stunde des Nachtgebets der Trappisten – ”meine Vergangenheit kehrt zurück. … Während wir Psalmen singen, … Bälle, … Bars … Somoza … kommt aus seinem Grab”, die Schmutzwasser-”Kloaken Managuas … Saufgelage … Roulette … Musikboxen … die Stunde … an den Bordellen … Das ist die Stunde, da sich das Kriegsgericht trifft / und die Folterknechte hinuntersteigen zum Kerker.” Kritisch schaut er (auf seine Zeit als junger Student in México, New York und Madrid von 1943-50 und auf die ersten sich daran anschließenden Jahre als Buchhändler und Bohemien in Managua) zurück: ”Wie leere Bierdosen und kalte / Zigarrenstummel, so sind meine Tage gewesen.”

Die Neudichtung der Psalmen erscheint 1964, dt. 1967. ”Du bist der Verteidiger der Rechtlosen / Du erinnerst dich der Morde / und vergißt die Klage de Armen nicht. / Blick auf mich im Konzentrationslager, Herr, / zerschneide den Stacheldraht, / hol mich heraus aus den Toren des Todes, / daß ich dir Psalmen singe vor Zions Toren. … Jeden Tag feiern sie Feste, / wir sehen die Festbeleuchtung von weitem. /Sie sitzen bei ihren Banketten – / und wir sind im Kerker.”