Belli: Verteidigung des Glücks

Textauszüge (S.129f, 277, 297f, 369f)

Im Untergrund schlief man mit den Schuhen an den Füßen. Er meinte, ich brauchte mir keine Sorgen zu machen um ihn. Als ich wieder zu Hause war und allein in meinem Bett lag, dachte ich an die Verse aus einem Gedicht des Dichters: “Was sorgt dafür, daß ein Mann seine Frau verläßt / Alles, was Nähe und Wärme bedeutet?” Waren wir alle verrückt geworden? Welches genetische Geheimnis erlaubte der menschlichen Art, das Gesetz des Überlebens des einzelnen zu durchbrechen, wenn der Stamm, das Kollektiv in Gefahr geriet? Was führte dazu, daß Menschen fähig waren, ihr Leben für eine Idee, für die Freiheit der anderen zu geben? Weshalb war er so stark, der Drang zum Heldentum? Das Außergewöhnlichste bildete für mich das Glücksgefühl, das man erlebte, wenn man sich dafür entschied. Das Leben erhielt einen echten Sinn, einen Inhalt, eine Orientierung. Man erlebte eine absolute Kameradschaft, eine ungeheuer enge Verbindung mit Hunderten unbekannter Gesichter; eine massenhafte Intimität, in der jedes Gefühl von Einsamkeit, von Isolation verschwand. Im Kampf für das Glück aller war das Glück, das man fand, das eigene. (S.129f)

Ich fragte mich, ob ich wieder einmal ganz einfach akzeptieren müßte, daß wir keine Zukunft hatten, daß der Mann an meiner Seite ein Trugbild blieb, dem ich das ganze Leben lang nachlaufen würde. Nach vielen Liebesbeziehungen, langen, vergeblichen Jahren der Suche nach dem Traumbild saftiggrüner Landschaften hatte ich schließlich entdeckt, daß jede menschliche Geographie ihre Abgründe barg. Die Herausforderung bestand nicht darin, sich zu finden, sondern im Urbarmachen des Gebietes als liebevolle Arbeit zweier nicht perfekter Wesen, die sich achten und vereinbaren, das gemeinsame Land zu bestellen, Brücken zu bauen, und die nicht beim ersten Erdrutsch oder Wolkenbruch davonlaufen. Die Erfahrung schenkte mir ihre Weisheit gerade in dem Augenblick, als das Gelände am zerklüftetsten und unwegsamsten war. (S.277)

Carlos … erzählte mir, ein Mann habe sich ihm genähert, der meinte, weil er mein Mann war, sei auch er Nicaraguaner. “Ich wollte ihn nicht enttäuschen und ihm sagen, daß ich ein Gringo bin”, meinte Carlos, der perfekt Spanisch spricht. Der Mann, ein Ingenieur, wollte nach Nicaragua kommen, um die Revolution zu unterstützen. Carlos spielte seine Rolle als Nicaraguaner und antwortete ihm, ja, natürlich, ein Ingenieur könne sicher sehr viel tun in Nicaragua. “Aber ich will die Revolution doch richtig unterstützen”, beharrte der Mann. Carlos sprach davon, daß er beim Bau von Schulen oder Straßen helfen könne, doch schließlich wurde der Mann ungeduldig und flüsterte ihm verschwörerisch ins Ohr: “Versteh doch endlich, ich will nach Nicaragua gehen, um ein paar Gringos umzulegen!” (S.297f)

Im Februar begann die Alphabetisierungskampagne, die beeindruckendste und bewegendste aller heroischen Aktionen, die ich erleben durfte. Tausende junger Leute zwischen Zwölf und Achtzehn verließen die Bequemlichkeit und Sicherheit ihrer städtischen Häuser und verteilten sich über das ganze Land, um siebzig Prozent der Nicaraguaner, die Analphabeten waren, Lesen und Schreiben zu lehren. Weder Maryam noch Melissa waren alt genug, um sich den Alphabetisatoren anzuschließen, doch wir gingen gemeinsam zum Platz der Revolution vor der Kathedrale, um zuzusehen, wie sich die jungen Leute, bewaffnet mit Bleistiften und Schreibheften, unter großem Hallo und Küssen und Liedern von ihren Vätern und Müttern und Freundinnen und Großeltern verabschiedeten. Mit ihren Rucksäcken bestiegen sie dann die LKWs, die sie in die Weiler und Dörfer im ganzen Land bringen sollten. An den entlegensten Orten sollten sie bei ihren armen Gastgebern wohnen, den Bauern und Arbeitern, die auch ihre Schüler sein würden. Der gesamte Fuhrpark von Regierung und Armee beteiligte sich am Transport dieser Armee Jugendlicher. Die gigantische Anstrengung absorbierte die Energie Tausender von Menschen. Es ging darum, ein grundsätzliches Versprechen der Revolution einzuläsen und der neuen Generation zu sagen, daß es nicht mehr die Waffen, sondern die Solidarität und ihre Nächstenliebe sein würden, die das Land verändern und aus seiner alten, hartnäckigen Rückständigkeit befreien würden. Die Menschen sollten lesen lernen! Die Alten würden die Bedeutung der Schilder verstehen, die Bauern könnten die Beschriftung der Kunstdüngersäcke lesen und ihre Ernten verbessern, die Frauen würden die Geheimnisse des Rechnens entschlüsseln und die häusliche Wirtschaft organisieren, die Zyklen ihres Körpers und die Anleitungen der Empfängnisverhütungsmittel begreifen, um ihre Familien besser zu planen, würden es lernen, Speisen aus Soja zu bereiten und so die Ernährung ihrer Kinder verbessern, die Arbeiter hätten die Möglichkeit, sich technisch zu bilden. Allen Nicaraguanern lesen und schreiben beizubringen hieß, die wirkliche Revolution zu beginnen. Deshalb organisierten sich die jungen Leute wie Guerilleros der Alphabetisierung, mit Uniformen und wie militärische Einheiten in Bataillone und Trupps eingeteilt, die auszogen, die Unwissenheit zu bekämpfen. (S.369f)