Was verbindet uns mit Nicaragua?

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Seit vielen Jahren schreibt uns Olivia Alvarez. Jeden Monat. Ihre BRIEFE AUS MATAGALPA belegen das große Bedürfnis der Menschen nach Bildung und welche Not entsteht, wenn dieses missachtet wird. Bildung ist ein Menschenrecht, auch im fast ämsten Land Lateinamerikas. Wir nehmen teil an ihrer Arbeit.

Seit 1986 unterstützen wir die Aus- und Fortbildung von LehrerInnen im Norden Nicaraguas. Diese LehrerInnen aus Matagalpa und Region kommen derzeit einmal im Monat in den Räumen der Lehrergewerkschaft zusammen zu einer eintäigen Fortbildung (“taller”). Die Lehrer entwickeln dort Unterrichtsmaterial, tauschen sich über ihre Arbeitserfahrungen aus, unterstützen sich bei drohendem Arbeitsplatzverlust. Die Themen der Werkstatt-Seminare werden zusammen mit den LehrerInnen festgelegt. Die Zusammenkünfte helfen den LehrerInnen in ihrem schwierigen und materiell schlecht gestellten Beruf auszuhalten. Denn Lehrersein ist in Nicaragua für viele noch immer ein politisches Bekenntnis für die Selbstbestimmung der Armen!

Die breite Volkserhebung von 1979, angeführt von der sandinistischen Bewegung, hatte die Alphabetisierung der Bevölkerung mit großer Anstrengung betrieben und bewirkt, dass die Analphabetenquote binnen weniger Jahre von 60% auf 12% gesenkt wurde. Zu Beginn lernten viele Menschen in den Dörfern bei Studenten Lesen und Schreiben. Die Studenten gingen jedoch wegen der Kargheit der Lebensbedingungen und weil sie ihr Studium weiterführen wollten in die Städte zurück. So wurde, wer das Alphabet besonders gut gelernt hatte, im Dorf weiter als Lehrer beansprucht, als “maestro empírico”. Jetzt war es sehr wichtig diese ungelernten LehrerInnen, die “empíricos”, weiter auszubilden und in ihrer Arbeit zu unterstützen. Dies geschah in regionalen Lehrerarbeitskreisen und in neu gegründeten Lehrerausbildungsseminaren.

Mit der Leiterin des Seminars in Matagalpa, Olivia Alvarez, nahmen wir 1986 Kontakt auf. Die Arbeit dieses Seminars unterstützten wir in der Zeit des US-Embargos durch Materialien, Hefte, Papier, Vervielfältigungsgeräte und durch Geld. Seit dem Regierungswechsel von 1990 hat die Volksbildung keine Priorität mehr. Tausende von LehrerInnen wurden entlassen, vor allem “empíricos”. Schulen, besonders auf dem Lande, wurden geschlossen, der Bestand der Lehrerausbildungsseminare wurde unsicher und sie arbeiteten unregelmäßig, die Analphabetenrate ist seitdem wieder stark angestiegen. Wie sollten nun Alphabetisierung und Volksbildung in der Region fortgesetzt und unterstützt werden? Olivia Alvarez, von der neuen Regierung entlassen, setzte die Arbeit der Lehrerbildung als Beauftragte der Gewerkschaft und Leiterin des Projektes mit monatlichen “talleres” fort. Seit 1990 besuchen LehrerInnen aus der Region in sehr großer Zahl diese Veranstaltungen. Für viele ist dies die einzige Möglichkeit, sich auf das staatliche Lehrerexamen vorzubereiten. Unsere Erfahrung zeigt: Bildungsarbeit kann durch Kontinuität gelingen.